Ernst-Ulrich von Weizsäcker

Minus trotz Effizienz

Wir bewegen uns in einer auf Wachstum programmierten Wirtschaft. Wird sie durch eine Ökologisierung nur grün angestrichen – und die Plünderung des Planeten geht weiter?


von Weizsäcker: Gute Frage! Was ich stoppen will, ist das Wachstum des Ressourcen-Verbrauchs, den wir sogar reduzieren müssen. Sollte es unserer Zivilisation gelingen, ein Wachstum der Wirtschaft bei abnehmendem Ressourcen-Verbrauch zu erzielen, hätte ich gar keine Einwände. Aber: Bisher ist das Wachstum an einen steigenden Ressourcen- Verbrauch gekoppelt, weil wir keine ernsthaften Anstrengungen unternehmen, diese zwei Entwicklungen zu trennen.


Und dann kommt der Rebound-Effekt hinzu: Die Effizienz-Gewinne werden aufgefressen, indem alle die Ressourcen noch stärker nutzen.

 

von Weizsäcker: Das ist ein sehr altes Phänomen: Der Ökonom William Stanley Jevons hat 1865 untersucht, wie sich der Kohleverbrauch entwickelt hat, nachdem James Watt seine Dampfmaschine erfunden hatte, die Kohle etwa viermal so effizient verbrannte wie die vorherigen Maschinen. Jevons Entdeckung: Der Kohleverbrauch war
nicht gesunken, sondern dramatisch gestiegen – gerade weil Watts Dampfmaschine eine so großartige Effizienz aufwies. Denn diese Dampfmaschine war so elegant und klein, dass sie auf einem Wagen Platz fand – und schon
war die Dampflokomotive erfunden! Es entstand ein Eisenbahnnetz, auf dem Hunderte von Dampfloks
fuhren, die einen gewaltigen Bedarf an Kohle hatten. (...)

 

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Gunther Dueck

"Wir denken, die fetten sieben Jahre dauern ewig"

"Die ganze Welt ist in einer Art Geisteskrankheit gefangen.“ Das schreiben Sie in Ihrem Buch „Abschied vom Homo oeconomicus“. Warum stellen Sie unserem Wirtschaftssystem eine psychiatrische Diagnose?

 

Gunther Dueck: Habe ich das wirklich geschrieben?


Ja, das steht so wörtlich in Ihrem Buch.

 

Guther Dueck: Na gut, dann fangen wir doch einmal so an: Es gibt große Innovationszyklen, die alles auf den Kopf stellen, zum Beispiel Webstühle, Dampfmaschinen, Automobile, Automatisierung – und jetzt das Internet.

 

Als Kind habe ich auf einem Bauernhof gelebt, auf dem 40 Angestellte gearbeitet haben. 1980 ging mein Vater in Rente, und die Arbeit auf demselben Hof hatte er als Halbtagsjob erledigt. Mein Vater hat fast alles selbst gemacht, nur der Mähdrescher kam von Raiffeisen.

 

Das zeigt den gewaltigen Strukturwandel in der Landwirtschaft.


Gunther Dueck: Da mussten sich viele Leute einen neuen Job suchen; heute arbeiten lediglich zwei Prozent
der Beschäftigten in der Landwirtschaft. Ähnlich ist die Situation, die durch das Internet entsteht: Flüge, Aktienkurse oder Zinsen – das kann ich alles selbst herausfinden. Bankberater und Reisebüros werden überflüssig, ganze Berufsgruppen fallen weg. So wie die Leute, die früher mit dem Pferd gepflügt haben.

 

Hinzu kommt: Die Arbeit am Computer senkt zunächst die nötigen Qualifikationen. Ich habe dafür ein böses Wort erfunden: „Flachbildschirmrückseitenberatung“. Der Berater erzählt, was der Computer ihm sagt. (...)

 

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Gespräche mit renommierten Wissenschaftlern

"Der ökologische Druck ist erheblich gestiegen"

Claudia Kemfert

Die Energiewende soll „entroman-tisiert werden“. Das fordert Hildegard Müller, die Geschäfts-führerin des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Zünden Sie bei jedem neuen Windrad eine Kerze an?

 

Nein, in Wirklichkeit hat die Energiewende nichts mit Romantik zu tun. Denn sie bringt viele volkswirtschaftliche Vorteile: Investitionen, Wertschöpfung und Arbeitsplätze.

 

Die Energiewende steht für einen großen Wandel: Wir lassen herkömmliche Geschäftsmodelle hinter uns, die auf fossiler Energie beruhen – und wenden uns den Erneuerbaren Energien zu, und das mit völlig neuen Aufgaben: Wie gehen wir mit Schwankungen im Stromnetz um? Wie lässt sich ein Lastmanagement einführen? (...)

 

Ganzes Gespräch: energiezukunft

 

Uwe Schneidewind

 Mehr Effizienz durch „Green Technology“ führt nicht allein in eine nachhaltige Ökonomie. Daher sind genauso Suffizienz-Strategien gefragt – was verstehen Sie darunter?

 

 Wenn wir uns die gesamte Kulisse anschauen, stellen wir fest: Der ökologische Druck auf den Planeten ist in den letzten 40 Jahren erheblich gestiegen. Dabei bestand lange die Hoffnung: Wir bräuchten nur effizientere Technologien, die mit weniger Naturverbrauch künftiges Wachstum möglich machen.

 

Dann wird sich der Ressourcen-Verbrauch abkoppeln, die ökolo-gischen Belastungen nehmen ab – und die Wirtschaft kann weiter wachsen. (...)

 

Ganzes Gespräch: energiezukunft

 

Mojib Latif

Pfingsten wütete das Tief „Ela“ in Düsseldorf und anderen Regionen. Bilanz: Sechs Tote, 17.000 entwurzelte Bäume, allein in Düsseldorf 65 Millionen Euro Schaden. Herr Latif, das war ein extremes Wetterereignis, oder?


Ja, das war in der Tat ein extremes Wetterereignis, wobei es dafür keine exakte Definition gibt. Aber auch nach den gängigen Beschrei-bungen lässt sich sagen: Das war ein ziemlich außergewöhnliches Ereignis.

 

 Was macht eigentlich ein extremes Wetterereignis aus?


Da zählen statistische Eigen-schaften: Ein solches Ereignis muss sehr selten sein. (...)

 

Ganzes Gespräch: energiezukunft

 



Götz Werner und Christian Felber

Ethik-TÜV für die Wirtschaft

Herr Werner, Ihr großes Thema ist der Bewusst-seinswandel, die Arbeit des Einzelnen an sich selbst. Was könnte das für Wirkungen auf die Wirtschaft haben?

 

Werner: Es geht darum, dass wir mehr Bewusstsein dafür entwickeln, was wesentlich ist – dass wir uns nicht von Blendgranaten ablenken lassen. Der erste Schritt und auch die Wirkung wäre: Die Leute fragen nicht mehr nach dem „Know-how“, sondern nach dem „Know-why“, nach dem „Warum und „Wozu?“. Stellen Sie sich vor: Ein Bildzeitungsredakteur läuft mit seiner achtjährigen Tochter am Kiosk vorbei – und beginnt sich zu fragen, warum er so reißerische Schlagzeilen produziert. Dann geht es ihm nicht mehr um die Frage, wie viel Rendite seine Zeitung bringt, und ob er dabei ordentlich verdient. Er stellt die Frage nach dem Sinn seiner Arbeit.

 

Diese Position zielt auf die Verantwortung des Individuums. Herr Felber, Ihr Ansatz ist etwas anders: Sie wollen Gemeinwohlbilanzen für Unternehmen einführen. Warum?

 

Felber: Unser Ansatz steht nicht im Gegensatz zu Ihren Gedanken, Herr Werner, die auf der individualethischen Ebene anzusiedeln sind. Dieses freiwillige Verhalten sollte durch einen passenden Rechtsrahmen unterstützt werden, der auf der sozialethischen, will heißen rechtsstaatlichen Ebene greift. Das ist die Idee der Gemeinwohl-Ökonomie. (...)

 

Ganzes Gespräch: Die Farbe des Geldes